Von Karsten Seibel
Ein Aschaffenburger lockte jahrelang Anleger mit ungewöhnlich hohen Renditen in seine Hedgefonds-Produkte. Jetzt sitzt er in Untersuchungshaft
Die Maschinerie der Anlegeranwälte im Land ist angelaufen. "Wir werden in den nächsten Tagen Antrag auf Akteneinsicht stellen. Parallel recherchieren wir selbst auf Hochtouren die Verbindungen innerhalb der verschachtelten Gesellschaftsstrukturen", sagt Klaus Nieding. Der Frankfurter Anwalt vertrat gemeinsam mit Kollegen schon mehrere tausend Anleger, als vor vier Jahren die Investmentfirma Phoenix Kapitaldienst pleiteging und einen Schaden von 850 Millionen Euro hinterließ.
Seit dieser Woche gibt es einen neuen Fall Phoenix, wie manche behaupten: den des deutschen Helmut Kiener und des von ihm gegründeten Hedgefonds K1. Die Würzburger Staatsanwaltschaft wirft dem 50-Jährigen Betrug und Untreue in gleich mehreren Fällen vor. Am Donnerstag kam der studierte Psychologe und Sozialpädagoge aus dem fränkischen Aschaffenburg in Untersuchungshaft. Ob Anleger das in seinen Fonds investierte Geld noch einmal wiedersehen, ist offen. Betroffen sind auch viele kleine Sparer.
Wer die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen Kiener hört, fühlt sich unweigerlich an die großen Skandalanleger der vergangenen Monate in den USA erinnert, an Bernard Madoff und Raj Rajaratnam. Laut Ermittlern besteht der Verdacht, dass der unscheinbar wirkende Kiener "Gelder in mehrstelliger Millionenhöhe abredewidrig verwendet hat". Er soll das Vermögen des Fonds größer dargestellt haben, um Kredite von Banken zu bekommen. Von 280 Millionen Dollar ist die Rede, umgerechnet 190 Millionen Euro, um die er allein die beiden Großbanken Barclays und BNP Paribas erleichtert habe.
Statt das Geld der Banken vollständig anzulegen, soll er sich mal ein Flugzeug, mal einen Helikopter, mal eine Luxusimmobilie gekauft haben. Bescheidenheit war die Sache Kieners offenbar nicht. Als Tarnung habe ein kompliziertes Firmengeflecht über mehrere Länder hinweg gedient, das um die zwei Gesellschaften "K1 Invest" und "K1 Global" herum aufgebaut wurde, so der Vorwurf. Die beiden Gesellschaften sind nicht in Deutschland registriert. Sie haben ihren Sitz viele Tausend Kilometer entfernt von Aschaffenburg auf den Jungferninseln in der Karibik.
Noch ist keine der Anschuldigungen bestätigt. Doch K1 und Kiener waren schon in der Vergangenheit keine Unbekannten. Seit Jahren wird in Internetforen heftig über die verdächtig hohen Renditen diskutiert. Noch Ende der Woche stand auf Kieners Internetseite www.helmut-kiener.com etwas holprig: "Das K1 Fund Allocation System erzielte seit Beginn im Jahr 1996 bei mehr als 82 Prozent an positiver Monate, einen Nettogewinn in der Höhe von über 770 Prozent." Das Erfolgsgeheimnis liege darin, dass das Managementteam des Dachhedgefonds auf Grundlage des von Kiener entwickelten Systems eine Vielzahl von aktiven Zielfonds auf der ganzen Welt beobachte. Grundlage seien "bestimmte quantitative und qualitative Kriterien" - mehr Erklärung gibt es dort nicht.
"Wenn man sich fünf Minuten auf der Internetseite von K1 umgeschaut hat, wusste man, dass man sich mit den Produkten nicht weiter befassen muss", sagt Eckhard Sauren von der gleichnamigen Dachfondsgesellschaft in Köln. Angaben in den Werbebroschüren hätten vor "Inhaltslosigkeit" nur so gestrotzt. Die ausgewiesenen Wertentwicklungen seien "in keinster Weise" nachvollziehbar gewesen. Viele Anleger schien dies nicht zu stören. Ein hochrangiger K1-Manager bezifferte im Frühjahr das bei der Gruppe angelegte Vermögen auf annähernd eine Milliarde Dollar, rund 680 Millionen Euro.
Investoren ließen sich offenbar auch nicht davon abschrecken, dass die Finanzaufsicht BaFin Kiener schon 2001 untersagte, in Deutschland Finanzportfolios zu verwalten. Allerdings schafften es die Aufseher nicht, das K1-Geschäft zu stoppen. Auf den Vertrieb der Genussrechte, die auf Kieners Dachhedgefonds beruhen und mit einem Renditeziel von 15 Prozent pro Jahr locken, hatte die Behörde keinen Einfluss. Das sei ein "erlaubnisfreies Geschäft", so ein BaFin-Sprecher. Daneben konnten Sparer über diverse Fondsplattformen im Internet, wie Hedgeconcept und Hedgefonds24, auch in ein Ende 2005 aufgelegtes Indexzertifikat investieren, das sich an einem Hedgefonds-Portfolio auf K1-Basis orientiert. Mindestanlage 2500 Euro zuzüglich fünf Prozent Aufgeld. Emittent: Barclays Bank.
Wie viele Anleger die Produkte gekauft haben, lässt sich nicht sagen. "Bei uns melden sich seit Tagen Anleger - private und institutionelle", sagt Anwalt Klaus Nieding. Darunter seien auch große ausländische Adressen mit hohen Millionenbeträgen. Der Gesamtschaden könne nach den bislang vorliegenden Informationen 500 bis 600 Millionen Euro betragen. Nun komme es darauf an, die Leute "mit den tiefen Taschen" zu finden, sprich die Menschen, bei denen auch wirklich noch etwas zu holen ist. In die Affäre verwickelt sind laut Nachrichtenagentur Bloomberg auch Vermögensberater in Florida, denen unter anderem das FBI wegen Geldwäsche auf die Spur kam.
Unterdessen sieht die Hedgefonds-Branche in Deutschland in den Schlagzeilen rund um Kiener und K1 einen weiteren Rückschlag bei dem Bemühen, sich ein besseres Image zu geben. Der Bundesverband Alternative Investments weist ausdrücklich darauf hin, dass es sich bei K1 um keinen deutschen Hedgefonds handelt. Hierzulande sei nur die X1 Fund Allocation GmbH ansässig. Sie koordiniert den Vertrieb des Zertifikats.
Eckhard Sauren, der selbst Dachhedgefonds managt, legt Wert darauf, dass deutsche Hedgefonds allesamt bei der BaFin gemeldet sein müssten. Es gebe für die Produkte klare Mindestanforderungen, dazu gehörten ausführliche Verkaufsprospekte und Rechenschaftsberichte. All dies habe er bei den K1-Angeboten vergeblich gesucht. "Für mich ist nicht einmal klar, ob K1 überhaupt ein Hedgefonds ist", sagt Sauren. Das werden die weiteren Ermittlungen zeigen.
Quelle WELT ONLINE
Die Staatsanwaltschaft Würzburg hat im Zusammenhang mit dem K1-Skandal nun weitere Personen verhaftet und Objekte im Ausland durchsucht. Näheres erfahren Sie hier.